Was heißt eigentlich "unvollendet"?
Peter Gülke bemerkt zurecht, dass die englische Bezeichnung von Werken, die keinen Abschluß -aufgrund des zuvor ereilten Todes- durch den Komponisten fanden, mit "Unfinished" (also "unbeendet") sprachlich etwas treffender ist.
Richtig ist: Die ersten 3 Sätze der 9. Symphonie sind vollendet. Auch das alleinstehende Adagio der 4. Symphonie ist vollendet! Und die ersten 25 Takte der 6. Symphonie sind es, beispielsweise, auch!
Die 9te Symphonie ist vollendet, aber Sie wurde eben nicht von Bruckner selbst beendet, abgeschlossen (zumindest sind es die derzeit bekannten Noten nicht). Nun sind aber auch die Fragmente, wie von Bruckner bis zum Tode niedergeschrieben, vollendet (in dem semantischen Sinne, wie ich das Adjektiv oben verwende).
Und vollendet ist m.E. (ja, eine sehr subjektive Äußerung; genauso, wie das eitle Kritiker-Gewäsch IMMERZU subjektiv ist. Kritiker sind nun mal auch Subjekte?) auch die Aufführungsfassung von SPMC, selbst wenn die Autoren stets der aktuellen Forschung gemäß Revisionen der eigenen Rekonstruktion vorlegen und damit selbst aus der "vollendeten Symphonie" einen immer weiter "vollendet veredelten Spitzenkaff..., äh, -satz" machen...
Deshalb setze ich mich ja auch - als Laie sozusagen, der die Musik eher fühlt als mit tiefem musikalischen Wissen das Ganze zudem pragmatisch zu erörtern weiß - dafür ein, das die Aufführungsfassung ein Muß sein sollte. Sie ist akribisch und wissenschaftlich und dabei dennoch auch künstlerisch wertvoll. Sie wurde "vollendet" vom Fragment zum fertigen Satz erarbeitet.
Ich hoffe, dass auch sog. "Stardirigenten" sich davon einst werden überzeugen lassen. Stardirigenten, die (noch) einen weiten Bogen um Aufführungsfassungen des Finales machen und machten. Weil diese nicht 100%ig Bruckner darstellen und diese Noten oder Instrumentierungen fremder Hand enthalten. Stardirigenten, die wie Knappertsbusch einst, auf der anderen Seite sogar entstellte Versionen fremder Hand von Bruckners Symphonien zu dirigieren pflegten! Darunter auch die ersten drei Sätze der Neunten in einer nach Bruckners Tod stark veränderten Bearbeitung von Ferdinant Löwe. Das ging also...?

Vorschlag
Von mir aus: Man höre Bruckners 9. Symphonie mit den Sätzen
1 Feierlich, Misterioso
2 Scherzo: Bewegt, lebhaft - Trio: Schnell - Scherzo
3 Adagio: Langsam, feierlich

Dann höre man einen symphonischen Satz von dem Komponisten-Team Samale, Phillips, Mazzuca und Cohrs mit der Bezeichnung
4 Finale: Misterioso, nicht schnell
das sehr stark an Bruckner erinnert, ….nein: von Ihm zu sein scheint, …nein: von Bruckner selbst ist....?
Man stelle sich mal vor, es würde so gebrannt und gebannt, welchen Proteststurm die gleichen, derzeit so negativ eingestellten Kritiker losbrechen würden: "100% Bruckner", "SPCM imitieren Bruckner auf's Exakteste. Sie plagiieren, dass es nur so brucknert. Da ist rein gar nichts originäres, nichts orginelles, eigenes. Es ist einfach nur Bruckner" und bestimmt auch: "Es ist leider zu vermuten, das die "Komponisten“ SPCM im Besitze des gesamten verschollenen Finalsatzes von Bruckners 9. Symphonie sind und diese bösen Buben diese vorzügliche, vollendete - ja: geniale und höchstpunktmarkierende - Musik Bruckners als Ihre eigene verkaufen". Beati pauperes spiritu...
Fazit: Die Symphonie ist beendet. Ego locutus, causa finita!

Vertiefendes zu Anton Bruckner

Wesentlich bessere, weil fachlich viel fundiertere Einführungen zum Thema "Finale der 9. Symphonie", aber auch natürlich zu seinem "vollendeten" Gesamtwerk und Leben, findet man in den Essays des Autors B.-G. Cohrs, der mir einige die Texte zur Veröffentlichung zur Verfügung gestellt hat und den nachfolgenden Seiten mit Literaturliste und Internet-Links.
Ferner ist es natürlich auch sinnvoll, die Notentexte zu studieren, sie sind im österreichischen „Musikwissenschaftlicher Verlag der int. Bruckner-Gesellschaft“ erschienen und beim „Musikhaus Doblinger“ zu beziehen.